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Ziehen wir bei COVID-19 an einem Strang?

Ein Aufruf zu proaktivem Handeln
in der Medizintechnik und
der Gesundheitsversorgung

Von Dr. Jesus A. Cabrera, Jehanzeb Noor, Gary Barrett | Mitarbeit: Joel Williams, Albert Lim, Nigel Bark

Zielsetzung und Darlegung unserer Sichtweisen im Überblick:

Angesichts der Erkenntnisse aus der beispiellosen Gesundheits- und Wirtschaftskrise im Zusammenhang mit COVID-19 müssen sich die Unternehmen in den Sektoren Medizintechnik und Gesundheitsversorgung nun auf die nächsten 12 bis 24 Monate vorbereiten. Wir stellen sinnvolle Maßnahmen für die Wertschöpfungskette im Gesundheitswesen, sowohl in den USA als auch in anderen Ländern, vor. Außerdem sind in dem vorliegenden Artikel hilfreiche Ideen für die Öffentlichkeit, Regierungen, Medizintechnik-Unternehmen und im weiteren Verlauf der Versorgungskette tätige Gesundheitsversorgungssysteme beschrieben, mit denen es uns gelingen kann, die Pandemiekrise weltweit zu meistern. Die vorgestellten Ideen können Gesundheitsdienstleistern helfen, durch eine effiziente und effektive Reaktion des gesamten Gesundheitssystems weltweit viele Leben zu retten.

Haftungsausschluss: Unsere in diesem Artikel dargelegten Ansichten sind nicht als Argumente für oder gegen die Meinungen von Fachleuten, Regierungen oder der Öffentlichkeit bestimmt. Die Informationen in diesem Artikel sind mit Stand Mai 2020 aktuell.

Eine Einführung in die aktuelle Pandemie

COVID-19, die durch das Virus SARS-CoV-2 (Schweres-akutes-Atemwegssyndrom-Coronavirus 2) verursachte Krankheit, wurde im Dezember 2019 erstmals festgestellt. Zu diesem Zeitpunkt rechneten auch erfahrene Experten des öffentlichen Gesundheitswesens nicht damit, dass sie sich rasch zur schlimmsten weltweiten Gesundheitskrise der letzten 100 Jahre ausweiten würde. Die Infektion wurde am 8. Dezember 2019 erstmals festgestellt und am 11. März 2020 zur weltweiten Pandemie erklärt. Am 1. Mai 2020 meldete das Johns Hopkins’ Corona Virus Resource Center über 3.303.000 weltweite Infektionen und 235.000 Todesfälle.

Ähnlich wie bei früheren Ausbrüchen von Coronaviren in diesem Jahrhundert, SARS CoV-1 und MERS, traf COVID-19 die Weltgemeinschaft unvorbereitet. Nach wie vor lässt sich der künftige Verlauf nur schwer abschätzen. Die Epidemiologie anderer schwerwiegender Coronaviren unterscheidet sich erheblich von der von SARS-CoV-2 und dürfte daher als Vorhersagemodell für die Entwicklung der aktuellen Pandemie ungeeignet sein. Influenzapandemien könnten sich aber möglicherweise als geeignete Vergleichsszenarien erweisen. Seit 1900 sind vier Influenzapandemien aufgetreten — 1918-19, 1957, 1968 und 2009-10. Ausgehend von den Ähnlichkeiten und Unterschieden bei der Ausbreitung von COVID-19 und pandemischer Influenza lassen sich mögliche Szenarien für den Verlauf der COVID-19- Pandemie veranschaulichen, die uns als globaler Industrie helfen, uns entsprechend vorzubereiten.

Die Diskussion über die Verbreitung von COVID-19 in der Laien- und klinischen Presse konzentrierte sich auf den Ursprung des Virus in China und seine Auswirkungen auf Europa und Nordamerika. Da sich die Ausweitung der Pandemie durch mehr Tests bzw. durch mehr Todesfälle in weniger entwickelten Gebieten der Welt bestätigt, müssen wir uns auf einen Mangel an robuster Gesundheitsinfrastruktur und auf Komorbiditäten, zum Beispiel andere Infektionen, Unterernährung und chronische Atemwegserkrankungen, einstellen. Diese zusätzlichen Belastungsfaktoren können dazu führen, dass sich die Auswirkungen der Pandemie verschärfen, wie es auch während der Pandemie von 1918-19 der Fall war.

COVID-19 und pandemische Influenza – warum COVID-19 gefährlich ist

Obwohl sich Coronaviren deutlich von Influenzaviren unterscheiden, gibt es doch Ähnlichkeiten zwischen der COVID-19-Pandemie und pandemischer Influenza. Erstens sind sowohl SARS-CoV-2 als auch ein pandemisches Influenzavirus neuartige virale Pathogene, gegen die die Weltbevölkerung kaum oder gar keine Immunität besitzt und daher entsprechend anfällig ist. Zweitens werden SARS-CoV-2- und Influenzaviren überwiegend über die Atemwege verbreitet. Außerdem ist bei beiden Viren eine asymptomatische Übertragung möglich, was deren schnelle, unbemerkte Ausbreitung begünstigt. Beide Virusarten können schließlich Hunderte Millionen Menschen infizieren und sich schnell rund um den Globus ausbreiten.

Unterschiede betreffen zum Beispiel die Inkubationszeit. Die durchschnittliche Inkubationszeit beträgt bei Influenza nur 2 Tage, bei COVID-19 5 Tage. Die längere Inkubationszeit bei COVID-19 ermöglicht es dem Virus, sich in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unbemerkt zu verbreiten, bevor es entdeckt wird.

Ein zweiter Unterschied ist der prozentuale Anteil der asymptomatischen Personen bei beiden Infektionen. Die vorliegenden Daten legen nahe, dass COVID-19 in 25–80 % aller Fälle asymptomatisch ist. Sobald sich die Anzahl der Tests in exponierten Personengruppen erhöht, wird sich dieser Wert voraussichtlich am oberen Ende des Wertebereichs präzisieren lassen. Studien zur Beurteilung der historischen asymptomatischen Bevölkerung bei Influenza legen nahe, dass dieser Prozentsatz bei 16 % lag. Der höhere asymptomatische Anteil bei COVID-19 kann zur raschen Ausbreitung dieses ohnehin bereits hoch ansteckenden Virus beitragen, was die Vorbereitung auf Worst-Case-Szenarien erfordert.

Dazu kommt, dass die SARS-CoV-2-Viruslast in einer kürzlich durchgeführten Studie zum Zeitpunkt des Symptombeginns am höchsten war, d. h. die Virusausscheidung könnte am höchsten sein, bevor Symptome auftreten, was zu einer erheblichen präsymptomatischen Übertragung führt.

Erkenntnisse aus früheren Influenzapandemien

Sieben der acht großen Pandemien, die seit dem frühen 18. Jahrhundert aufgetreten sind, erreichten frühzeitig ihren Höhepunkt und waren innerhalb weniger Monate wieder verschwunden. Ungefähr 6 Monate nach dem ersten Peak trat jeweils ein zweiter ausgeprägter Anstieg der Fallzahlen auf. Bei einigen Pandemien gab es zudem im Verlauf von 2 Jahren nach der ersten Welle weitere kleinere Wellen.

Die Geschichte vergangener Influenzapandemien könnte wichtige Erkenntnisse über die COVID-19-Pandemie liefern:

    • Der Verlauf der meisten dieser Pandemien wurde durch eine Impfkampagne nicht wesentlich beeinflusst. Dies könnte bedeuten, dass Vorbereitungsmaßnahmen ungeachtet der Entwicklung eines oder mehrerer Impfstoffe dringend erforderlich sind.

    • Es könnte sein, dass bei dieser speziellen Pandemie der Verlauf durch einen Impfstoff beeinflusst werden kann. Ein zuverlässiger und in ausreichender Menge vorhandener Impfstoff wird jedoch voraussichtlich frühestens 2021 verfügbar sein. Während der Impfstoffentwicklung treten möglicherweise unvorhersehbare Herausforderungen auf, durch die sich der Zeitplan verzögern könnte und/oder die einen weiteren aktualisierten Impfstoff ab 2021-22 erforderlich machen. Wenn das Virus mutiert und seine Letalität beibehält, müssen außerdem neue Impfstoffe entwickelt werden.

    • Die Pandemie wird wahrscheinlich weitere 12 bis 24 Monate andauern, solange sich in der menschlichen Bevölkerung nach und nach eine Herdenimmunität entwickelt. In Anbetracht der Übertragbarkeit des Virus müssen möglicherweise bis zu 70 % der Bevölkerung immun sein, um eine kritische Herdenimmunität zu erreichen und die Pandemie zu stoppen. Soziale Distanzierung könnte nicht nur die Pandemiekurve abflachen, sondern auch die Zeit bis zur Herdenimmunität verzögern, andererseits werden dadurch aber unsere Gesundheitssysteme vor einer Überlastung geschützt.

    • Die Dauer der natürlichen Immunität gegen eine SARS-CoV-2-Infektion ist unbekannt. In einigen Studien wurde eine natürliche Immunität nachgewiesen, z. B. in Südkorea. Es ist jedoch noch nicht geklärt, wie lange eine solche Immunität anhält.

    • Es ist zu beachten, dass die vorstehenden Punkte nur dann zutreffen, wenn die natürliche Immunität länger als 12 bis 24 Monate andauert, um diese Pandemie auszulöschen (oder wenn, wie gesagt, ein Impfstoff gefunden wird) – anderenfalls wird sie in einer Bevölkerung endemisch.

Die obigen Beobachtungen bilden den Grundstein für die Szenarienplanung mit Blick in die Zukunft..

Mögliche Szenarien für die Entwicklung der COVID-19-Pandemie

Viele führende Sachverständige haben verschiedene Szenarien beschrieben und vorgeschlagen, wie sich die COVID-19-Pandemie entwickeln könnte, und einige stimmen mit denen überein, die während früherer Influenzapandemien aufgetreten sind. Nur die Zeit wird zeigen, welches dieser Szenarien eintritt, und dies wird von unseren Maßnahmen zur Entwicklung der Versorgung, von Tests und Impfungen oder von Mutationen dieses Virus zu einer Form mit geringerer Letalität abhängen. Unserer Einschätzung nach gibt es für uns als Industrie drei mögliche Szenarien.

    • Szenario 1: Auf die erste Welle von COVID-19 im Frühjahr 2020 folgt eine Reihe kleinerer Wellen, die im Sommer und dann über einen Zeitraum von 1 bis 2 Jahren immer wieder auftreten, bis die Pandemie irgendwann 2021 allmählich zurückgeht. Je nach der Höhe der Fallzahlen während der Wellen könnte dieses Szenario eine regelmäßige Wiedereinführung und anschließende Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen in den nächsten 1 bis 2 Jahren erfordern.

    • Szenario 2: Auf die erste Welle von COVID-19 im Frühjahr 2020 folgen eine größere Welle im Herbst oder Winter 2020 und eine oder mehrere kleinere nachfolgende Wellen 2021. Dieses Muster wird die Wiedereinführung von Eindämmungsmaßnahmen im Herbst erforderlich machen, um die Ausbreitung der Infektionen zu verlangsamen und eine Überlastung der Gesundheitssysteme zu verhindern. Dieses Muster gleicht dem, was bei der Pandemie von 1918-19 beobachtet wurde. Während dieser Pandemie begann im März 1918 eine kleine Welle, die in den Sommermonaten nachließ. Im Herbst 1918 kam es dann zu einem viel größeren Anstieg der Fallzahlen. Eine dritte Welle wurde im Winter und Frühjahr 1919 verzeichnet, die im Sommer 1919 abflachte und schließlich das Ende der Pandemie signalisierte. Die Pandemie von 1957-58 folgte einem ähnlichen Muster, mit einer kleineren Welle im Frühjahr, gefolgt von einer viel größeren Welle im Herbst. Dies war auch bei der Pandemie 2009-10 der Fall.

    • Szenario 3: Auf die erste Welle von COVID-19 im Frühjahr 2020 folgt eine langsame Weiterverbreitung mit Auftreten von Krankheitsfällen, jedoch ohne klares Wellenmuster.

Unabhängig davon, welchem Szenario die Pandemie folgt (unter der Annahme, dass mindestens ein gewisses Maß an laufenden Eindämmungsmaßnahmen beibehalten wird), müssen wir auf mindestens weitere 12 bis 24 Monate mit erheblicher COVID-19-Aktivität vorbereitet sein, in denen in verschiedenen geografischen Regionen regelmäßig Infektionsherde auftreten.

So sehr wir auch hoffen, die Erkenntnisse aus früheren Influenzapandemien heranziehen zu können – die Welt hat sich in den letzten hundert Jahren verändert. Der Reiseverkehr hat stark zugenommen, und wir gelangen sehr viel schneller von einem Ort zum anderen auf dem Globus. Durch die Globalisierung werden auch entlegene Teile der Welt zugänglich, und daher muss trotz der Fortschritte bei den Gesundheitstechnologien mit einer schnelleren Übertragung solcher Krankheiten gerechnet werden..

Entwicklung von Virustests

Es wurden Tests zum Nachweis des Vorhandenseins des Virus bei Patienten mit Symptomen entwickelt. Diese Tests basieren auf der PCR-Technologie und dienen dem Nachweis der Nukleinsäuren des Virus. Sie sind weit verbreitet und die Technologie ist bekannt. Dennoch ist ihre Durchführung nach wie vor komplex und erfordert bestimmte Reagenzien. Zuweilen waren Zugang und Verfügbarkeit dieser speziellen Reagenzien eine Herausforderung und verhinderten großflächige Tests. Diese Tests sind sowohl für die Überwachung als auch für die Ermittlung von Kontaktpersonen wichtig, um die asymptomatische Ausbreitung im sozialen Umfeld zu verringern. Darüber hinaus ist der Kostenfaktor erheblich und alles andere als trivial: Die Bereitstellung angemessener Tests für den US-Markt in großem Maßstab kostet schätzungsweise 15 Mrd. USD pro Monat.

Entwicklung von Tests zum Nachweis einer Virusexposition

Es wird von entscheidender Bedeutung sein zu verstehen, in welchem Umfang Herdenimmunität erreicht wird. Tests zum Nachweis der Virusexposition auf Bevölkerungsebene erfordern Blutuntersuchungen, um das Vorhandensein von Antikörpern gegen das Virus festzustellen und zu bewerten. Solche Antikörper vermitteln möglicherweise Immunität gegen eine erneute Infektion. Wirksamkeit und Dauer dieser Immunität sind jedoch noch zu klären.

Impfstoffentwicklung

Die Komplikationen bei der Entwicklung eines Impfstoffs sind nicht zu unterschätzen. Die folgende Tabelle, die von Callaway (Nature 2020 Apr; 580(7805)576-7) veröffentlicht wurde, zeigt die verschiedenen Wege zur Entwicklung eines Impfstoffes, an der zurzeit mehr als 25 Pharmaunternehmen beteiligt sind. Zahlreiche Unternehmen erstellen Zeitpläne und Modelle für die Entwicklung von Impfstoffen unter Heranziehung von Strategien, die kanonische Methoden mit attenuierten Viren sowie neuere molekulare Methoden mit auf Nukleinsäuren und Proteinen basierenden Techniken umfassen. Sie alle könnten dabei helfen, die Entwicklung eines sicheren und wirksamen Impfstoffs zu beschleunigen.
Unabhängig davon, mit welcher Methode der Impfstoff letztendlich zu den Patienten gelangt, ist der Zeitplan für die Vorbereitung des Impfstoffs zur Behandlung von Hunderten von Millionen Patienten und mehr in Bezug auf Herstellung und Vertrieb eine enorme Aufgabe und wird einige Zeit in Anspruch nehmen. In Anbetracht der Mutationsrate und des periodischen und zyklischen Auftretens dieses Virus müssen wahrscheinlich im Laufe der Zeit neue Impfstoffe entwickelt werden, um weiterhin einen angemessenen Schutz zu gewährleisten. Dieser Gesichtspunkt vor dem Hintergrund der früheren Pandemien erfordert intensive Vorbereitungen.

Es kann auch argumentiert werden, dass aufgrund der langen Zeiträume, die es braucht, um den Impfstoff auf sichere und kontrollierte Weise (z. B. mit sozialer Distanzierung) an eine große Anzahl von Menschen abzugeben, Tests mindestens genauso wichtig sind wie die Verfügbarkeit des Impfstoffs, selbst dann, wenn bereits heute eine Lösung verfügbar wäre. Antikörpertests sind und bleiben wichtig, um zu verstehen, welcher Umfang an Immunität in Bevölkerungsgruppen auf der Ebene der Städte, Bundesländer und des Landes erreicht wurde. Alle ausgeklügelten Modelle zur Ermittlung sozialer Verhaltensregeln und Vorschriften sind nur so gut, wie es die Vollständigkeit und Genauigkeit der verwendeten Datensätze zulassen. Der Verbesserung der Komplexität von Vorhersagemodellen kommt somit eine geringere Bedeutung zu als der Verbesserung unserer Fähigkeit, aussagekräftige und umfangreiche Datensätze zu erfassen. In den USA beispielsweise zeigen einige Analysen eine überdurchschnittliche und nicht berücksichtigte Anzahl von Todesfällen im Februar/März. Dies könnte bedeuten, dass die ersten Todeszahlen aufgrund von COVID-19 in den ersten zwei Monaten um mindestens 50 % zu niedrig geschätzt wurden.

Auswirkungen auf die Medizintechnik-Branche und die Lieferkette: Ideen und Erkenntnisse 

Unabhängig davon, welcher Weg eingeschlagen wird, um mehr Tests und Impfungen zu ermöglichen, kann die Medizintechnik-Industrie durch proaktive Maßnahmen, die früher vielleicht als unkonventionell gegolten hätten, weitere und bessere Vorbereitungen treffen. Auf der Grundlage der aktuellen Trends entwickelte, aussagekräftige Modelle legen nahe, dass die Pandemie in den USA mehr als 50 Millionen Patiententage in verschiedenen Stadien der Hospitalisierung erfordern wird, bevor eine Herdenimmunität erreicht ist. Der bis dahin beschrittene Weg (soziale Distanzierung und Gesundheitsversorgungskapazität) wird weitgehend die Anzahl der Todesfälle bestimmen. Dabei gibt es bereits jetzt sinnvolle Schritte zur Verbesserung der Situation. Zum Beispiel:

  • Um den Mangel an geschultem Personal zu beheben, könnten Krankenhausnetzwerke Pflegepersonal/Mediziner einsetzen, die sich noch in der Ausbildung bzw. in der Assistenzzeit befinden. Die Regierungen könnten die Erteilung einer Arbeitserlaubnis für Ärzte und Pflegepersonal aus Ländern mit geringerem Pflegebedarf für Regionen mit Pflegeengpässen beschleunigen. Darüber hinaus könnte in stark von COVID-19 betroffenen Regionen ausreichend geschultes Personal aus anderen Einrichtungen, zum Beispiel aus Nichtregierungsorganisationen (Ärzte ohne Grenzen usw.), eingesetzt werden.
  • Medizintechnik-Hersteller könnten zusammenarbeiten, um zu entscheiden, wie die Herstellung spezialisierter Geräte hochgefahren werden kann, anstatt dass alle gleichzeitig versuchen, ihre relevanten Produkte herzustellen. Dies könnte auch zu einer stärkeren Standardisierung der technischen Ausstattung und dadurch zu einer weiteren Steigerung der Versorgungseffizienz führen. Medizintechnik-Unternehmen sollten darüber hinaus die Freigabe/Weitergabe von geistigem Eigentum zulassen. Sie sollten sich ferner nach Möglichkeit flexibel zeigen, was die kommerziellen Bedingungen für Anbieter mit Zahlungsschwierigkeiten anbelangt. Bestimmte Medizintechnik-Unternehmen stehen eventuell auch vor „normalen“ technischen oder regulatorischen Herausforderungen bei der Lieferung von Covid-bezogenen Vorrichtungen. Jetzt
    ist es an der Zeit, über den Tellerrand hinaus zu blicken und bei vergleichbaren Unternehmen um Hilfe zu bitten, um betroffene Kunden vielleicht besser beliefern zu können. Es geht dabei in erster Linie um die Patienten und weniger darum, wer auf dem Markt zuerst das Rennen macht. Zwischen den vergleichbaren Unternehmen und Lieferanten können in einem solchen Fall Vorkehrungen getroffen werden, um auch langfristige Geschäftsinteressen zu schützen – dies schließt sich nicht gegenseitig aus.
  • Händler könnten die Belieferung von Krankenhäusern neu planen und speziell zusammengestellte Behandlungspakete bereits vorab in ausreichender Zahl bereitstellen, damit eine kontinuierliche Versorgung von COVID-19 Patienten möglich ist. Dies würde die anfallende Arbeit in Krankenhäusern reduzieren und es dem medizinischen Personal ermöglichen, sich bestmöglich um die eigentliche Patientenversorgung zu kümmern.

Sollte Szenario 2, d. h. eine größere zweite Welle, eintreten oder das Virus mutieren, wodurch andere demografische Gruppen stärker betroffen sein können, erwarten wir anhaltende Lieferengpässe bei Produkten wie Infusionspumpen, Atmungshilfen (inklusive Endotrachealkanülen) sowie im Bereich von Beatmungsgeräten (für Intensivstationen und andere Bereiche). Zusätzlich werden wir voraussichtlich Lieferengpässe in den nächsten 12 Monaten bei bestimmten Produkten bekommen, welche für eine Vielzahl von Eingriffen und Prozeduren notwendig sind. Dies resultiert aus der Tatsache heraus, dass viele Hersteller ihre Produktion für 3-6 Monate gedrosselt haben. Kliniken sollten, unterstützt durch die Händler, mindestens 2-3 Monate vorher ihre Bedarfsmenge bei den Medizintechnikunternehmen ankündigen, bevor sie eine größere Menge der oben benannten Produkte benötigen. Dies setzt voraus, dass Krankenhäuser in der Lage sind, begründete Aussagen über den Covid-19 Verlauf und der damit einhergehenden Produktbedarfe vorauszusagen. Zusätzlich könnten Länder- und Bundesregierungen eine entscheidende Rolle spielen bei der Unterstützung von Vorhersagemodellen und die damit verbundene Lagerhaltung für Covid-19 und weiteren Materialien für elektive Eingriffe.

Ausblicke für Regulierungs- und Regierungsbehörden

Wir haben den Eindruck, dass Regulierungsbehörden weltweit, einschließlich FDA, MHRA und benannte Stellen wie BSI, den Anforderungen von Patienten zweckdienlich und mit erhöhtem Tempo auf beispiellose Weise begegnet sind. Es wurden Protokolle gestrafft, Sofortmaßnahmen bereitgestellt und pragmatische Ansätze wie zum Beispiel Ausnahmeregelungen aufgezeigt. Die Agenturen könnten ferner bei Maßnahmen wie der sicheren Verlängerung der Haltbarkeit unverzichtbarer Produkte bei Engpässen
und der weltweiten Standardisierung von Beantragungs-/Zulassungsprotokollen helfen. Unter COVID-19 ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit wichtiger denn je.

Auch von Instanzen wie der Europäische Union sind eine stärkere Koordinierung und mehr Unterstützung erforderlich, um noch schneller kommunizieren zu können. Die Verschiebung der Umsetzung der Verordnung über Medizinprodukte um ein Jahr ist ein willkommener Schritt, und auch andere multinationale Foren wie die South Asian Association of Regional Cooperation (SAARC) könnten sich rasch mit Maßnahmen im Zusammenhang mit COVID-19 befassen.

Angesichts von sozialer Distanzierung und dem Zuhausebleiben gab es Verwirrung darüber, welchen Unternehmen in der Wertschöpfungskette des Gesundheitswesens eine versorgungswichtige Aufgabe zuzuordnen ist. Angesichts des globalen Charakters der Lieferkette sollten die Regierungen koordinieren, welche Unternehmen und Medizintechnikhersteller betroffen sind, um unbeabsichtigte Lieferengpässe zu vermeiden. Bereits eine geringfügige Verknappung von Komponenten könnte die Produktion kritischer medizinischer Geräte zum Erliegen bringen, und dies muss natürlich vermieden werden, wenn im Herbst 2020 zusätzliche Wellen der Virusübertragung auftreten. Wie es mitunter bereits der Fall war, sollten die Regierungen ausdrücklich Regeln zu Preisen und Lieferbedingungen für die medizinische Versorgung und insbesondere für PSA festlegen, anstatt Fehlverhalten nachträglich zu ahnden. Dies könnte dazu beitragen, Hamsterkäufe und Preistreiberei im Voraus zu vermeiden. Darüber hinaus sollten Regierungen Anreizfinanzierungen eventuell explizit an bestimmte Knotenpunkte in der Wertschöpfungskette des Gesundheitswesens vergeben. Zum Beispiel gelangen vor allem kleine Krankenhäuser sowie kleinere Medizintechnik-Unternehmen derzeit ins Straucheln und könnten Unterstützung gebrauchen. Wenn Medizintechnik-Unternehmen ihr geistiges Eigentum für Konsortien oder zur Lizenznahme öffnen, um Engpässe zu überwinden, können die Regierungen Grundregeln festlegen, um diejenigen zu schützen, die bereit sind, Technologien frei zu lizenzieren oder herzugeben, da die Gefahr besteht, dass zukünftig Einnahmen und Arbeitsplätze verloren gehen.

Besondere Überlegungen für Entwicklungsländer und Schwellenländer

Wenn es um globale Versorgung geht, braucht es maßgeschneiderte Ansätze. Schließlich ist ein manuelles Gerät oder ein Gerät ohne Spezifikationen besser als kein Gerät. Mehrere Entwicklungsländer verfügen derzeit über sehr wenige Intensivbetten mit Beatmungsgeräten. Es besteht mehr denn je die Notwendigkeit, mit Institutionen wie der Gates Foundation und anderen globalen Gesundheitsorganisationen zusammenzuarbeiten. Medizintechnik-Unternehmen können helfen, indem sie ihre Preise nach Möglichkeit an die länderspezifische Wirtschaft anpassen. Dies könnte bedeuten, dass wohlhabendere Länder die weniger wohlhabenden aus Respekt vor dem Leben der Menschen subventionieren. Während Nationalismus und Patriotismus zur Herausforderung werden können, sind Länder wie Deutschland führend darin, das zu spenden, was sie nicht benötigen, oder zumindest für kurze Zeit kritisch kranke Patienten aus anderen Ländern einzufliegen. Wir schlagen einen bedarfsgerechten freien Waren- und Dienstleistungsfluss vor, insbesondere für die Teilregionen in Entwicklungsländern und solche mit Gesundheitssystemen, die in diesen schwierigen Zeiten gefährdet sind. Entsprechend würden wir Ländern empfehlen, die Beschränkung „vor Ort hergestellt“ für 12 bis 24 Monate zu lockern, damit die Patienten im Notfall ohne Verzögerung versorgt werden können.

Zwei weitere wichtige Beobachtungen richten sich an die Regierungen verschiedener Entwicklungsländer: Erstens sollten Geräte und Therapien, die den Bürgern helfen können, auch dann angenommen und verwendet werden, wenn sie nicht dem sonst üblichen Gebrauchsmuster und den Vorlieben entsprechen (z. B. sollten nicht für die intensivmedizinische Versorgung vorgesehene Beatmungsgeräte in Betracht gezogen werden, wenn Intensivbetten oder Beatmungsgeräte knapp sind). Zweitens sollte akzeptiert werden, dass das Virus weit verbreitet ist, vor allem in lokalen Bevölkerungsgruppen, auch wenn die Anzahl der Tests und die identifizierten Infektionszahlen möglicherweise niedrig sind. Sowohl die Lagerbestände als auch das medizinische Personal sollten auf Fallzahlen vorbereitet werden, die um ein Vielfaches höher sind als die bereits identifizierten. Das Auftreten und die Auswirkungen des Virus werden in jedem Fall im Laufe der Zeit transparent, unabhängig vom eingeschlagenen Weg. Es ist auch nachvollziehbar, dass proaktive Erkennung und Maßnahmen in Ländern mit einer hohen Zahl an Einwohnern, hoher Bevölkerungsdichte und geringer Ressourcenverfügbarkeit äußerst schwierig sind. Regionale Instanzen wie die Afrikanische Union könnten eine herausragende Rolle bei der Förderung des Zusammenhalts bei den Ansätzen zur Reaktion des Kontinents auf COVID-19 spielen. Die Kontaktaufnahme mit globalen Medizintechnik-Unternehmen zur Vorbereitung auf die nächsten 12 bis 24 Monate kann eine wichtige Quelle für Erkenntnisse, Ausrüstung und Ressourcen für diese wichtigen regionalen Instanzen sein.

Die Rolle von Smiths Medical

Als globales Unternehmen für Medikationslösungen mit einem ergänzenden Portfolio für die Vitalversorgung liegt unser Fokus darauf, als Gesundheitsdienstleister im gesamten
Versorgungskontinuum für COVID-19 und vorbestehende chronische Krankheiten tätig zu sein – sowohl in Märkten, in denen wir traditionell eine starke Präsenz haben (z. B. USA und Europa) als auch in unseren Vertriebsmärkten (z. B. Afrika, Naher Osten, Lateinamerika und Südostasien). Im Folgenden beschreiben wir im Überblick, über welche Erfahrungen wir in Anbetracht unserer Position verfügen, die auch für andere Medizintechnik-Unternehmen hilfreich sein könnten:

  1. Es gilt, entschlossen zu sein und aktiv zu werden. Angesichts der Unsicherheiten und Nachfrageschübe ist die Bereitschaft notwendig, finanzielle Risiken einzugehen und die Produktion trotz der ungewissen Situation in Bereichen zu steigern, in denen möglicherweise Geräte- bzw. Produktknappheit herrscht. Darüber hinaus lohnt sich die Investition in Tools, die Schulungen und Fehlerbehebung aus der Ferne ermöglichen, um Telemedizin zu unterstützen. Bisher bekannte Methoden zur Prognoseerstellung und Durchführung von Schulungen sind nicht zuverlässig und werden zu Störungen des Ablaufs führen.
  2. Es empfiehlt sich, die Belegschaft neu zu verteilen, d. h. von diskretionären zu unerlässlichen Verfahren. Längerfristige strategische Projekte oder auch Maßnahmen in Bereichen wie dem Margenmanagement sollten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.
  3. Partnerschaftliche Zusammenarbeit ist wichtig. Es empfiehlt sich die Investition in Joint Ventures und Konsortien, die den aktuellen Bedarf an Geräten bzw. Produkten decken und den potenziellen Anstieg im Rahmen einer größeren zweiten Welle im Rahmen des bereits dargelegten Szenarios 2 auffangen können. Die meisten Unternehmen sind in diesen Zeiten bereit, zu helfen und ihre erfahrenen Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen.
  4. Es sollte ein engagiertes Team zur Krisenbewältigung gebildet werden. Ein taktisches Team, das funktionsübergreifend arbeitet, ist enorm hilfreich, selbst dann, wenn bereits eine starke interne Zusammenarbeit vorhanden ist.
    Diese Ansätze haben uns geholfen, als Unternehmen robuste Lösungen und Produkte bereitzustellen, mit denen wir die Behandlung von COVID-19 im gesamten Versorgungskontinuum weltweit unterstützen. Dies ist im folgenden Bild zusammengefasst:

Besuchen Sie uns im Internet: https://www.smiths-medical.com/covid-19-response E-Mail: covid-19-response@smiths-medical.com

  1. Es braucht bedachtes Handeln im Sinne der Mitarbeiter an vorderster Front und deren Schutz durch Richtlinien, Vergünstigungen und PSA. Es empfiehlt sich, vorausschauend zu planen und 2–3 Wochen vor der nächsten Grippesaison im Herbst 2020 (oder entsprechend der jeweiligen geografischen Lage) soziale Distanzierungs- und Schutzmaßnahmen wieder in Kraft zu setzen. Dies sollte auch von anderen versorgungswichtigen Unternehmen, Zulieferern und Providernetzwerken in Erwägung gezogen werden.

Das Ergebnis aus unserem Verhalten und unserer Zusammenarbeit während dieser Krise, wird unsere individuelle wie auch gemeinsame Zukunft bestimmen. Die Kreativität und der Tatendrang bei der Reaktion auf COVID-19 waren nicht perfekt, aber enorm. Wir sind davon überzeugt, dass die menschliche Spezies aus dieser Krise neue Erkenntnisse im Hinblick auf hervorragendes Handeln gewinnen kann – sei es zum Beispiel in Bezug auf Telemedizin, Sozial- und Gesundheitspolitik oder regulatorische Angelegenheiten. Wir hoffen, dass die in diesem Artikel dargelegten Sichtweisen unsere Reaktion und Zusammenarbeit erneut einen Schritt nach vorne bringen. Die nächsten Schritte können die Bildung eines Industriekonsortiums umfassen, um einige/alle identifizierten Planungspunkte anzugehen, insbesondere im Hinblick auf die Vorbereitung auf zukünftige Infektionswellen mit besser lieferbaren Produkten. Ein Konsortium könnte auch in Betracht ziehen, die Entwicklung eines generischen Produktangebots für Gebiete mit hoher Nachfrage und/oder Entwicklungsländer zu fördern. Smiths Medical wäre daran interessiert, eine solche Initiative zu leiten oder sich ihr anzuschließen.

Wir glauben an die Widerstandsfähigkeit und Kreativität der Menschen, um diese Krise zu meistern, und danken allen Helden, die an vorderster Front bei der Patientenversorgung und in der Produktion tätig sind und alles daransetzen, unser System am Laufen zu halten. Die ganze Welt schuldet Ihnen allen tiefe Dankbarkeit.

Die Autoren und Mitarbeiter möchten sich bei mehreren internen und externen Experten und Wissenschaftlern für ihren großzügigen Beitrag bedanken. Die in diesem Artikel dargelegten Sichtweisen spiegeln lediglich die Ansichten der Autoren und nicht die der Smiths Group oder von Smiths Medical wider.

Autoren: Dr. Jesus A. Cabrera leitet die Abteilung Clinial Affairs, JehanZeb Noor leitet die Abteilung Overall Global Business, Dr. Gary Barrett leitet die Abteilung Global Regulatory and Quality. Mitarbeit: Joel Williams ist der Unternehmensleiter für Nord-, Mittel- und Südamerika, Nigel Bark für EMEA und Albert Lim für APAC – alle bei Smiths Medical.